Zuerst erschienen in: Verlorene Gedanken, Nr. 5/2018

Ich entscheide, was ich denke

Es ist nichts Neues, dass unsere innere Einstellung (Neu-Deutsch: unser Mindset) eine bedeutende Rolle in unserem Leben spielt. Mentalcoaches zum Beispiel arbeiten schon lange mit Hochleistungssportlern, denn das Gewinnen beginnt bekanntlich im Kopf. Postkarten, Kühlschrankmagneten und Instagramsprüche erinnern uns daran, positiv zu denken und an unserer inneren Einstellung zu arbeiten. Und es hört sich irgendwie sehr logisch an. Wenn das alles auch so einfach umzusetzen wäre, würden wir vermutlich alle mit mehr Freude und Leichtigkeit durchs Leben gehen. Warum ist es also im Alltag so schwer, das zu leben, was doch rational so viel Sinn macht? Darum und wie wir es uns zumindest einfachER machen können, geht es in diesem Artikel.

Du bist nicht deine Gedanken.“

Es ist einige Jahre her, dass ich in einem Managementtraining diesem Satz begegnet bin. Ehrlich gesagt, konnte ich damals gar nichts damit anfangen. In meiner Welt erlebte ich das genaue Gegenteil: ich definierte mich über meine Gedanken. Meine Gedanken über mich und die Welt machten mich aus. Das dachte ich zumindest.

Als ich schließlich die Bedeutung von „Du bist nicht deine Gedanken“ erkannte, war es, als hätte sich ein riesiger Knoten in meinem Kopf gelöst! Auf die Sprünge geholfen haben mir dabei unter anderem diese zwei Coachinggespräche:

Von Karen Schlaegel, Rosenheim - 15.10.2018
 

"Als ich die Bedeutung von 'Du bist nicht deine Gedanken' erkannte, war es, als hätte sich ein riesiger Knoten in meinem Kopf gelöst."

In meiner ersten Sitzung mit meinem Business Coach ging es um Kommunikation und wir sprachen über Außenwirkung. Ich kam auf eine Kollegin zu sprechen und sagte so etwas wie: XY verhält sich immer so und so, weil sie den Chef beeindrucken will. Mein Coach fing an zu schmunzeln und fragte: Woher weißt du das?

Ich weiß auch jetzt noch, wie ich mich in dem Moment fühlte. Ich war sauer! Woher ich das wusste? Ich hatte schließlich Menschenkenntnis und das Verhalten war doch so offensichtlich und durchschaubar! In den Ärger mischte sich jedoch auch Scham. Denn auf der logischen Ebene konnte ich auch in dem Moment erkennen, dass er natürlich recht hatte, denn Gedanken konnte und kann ich leider nicht lesen.

Seine Frage begleitet mich seitdem und erinnert mich täglich immer wieder daran, dass ich tatsächlich NIE weiß, was in den Köpfen meiner Mitmenschen los ist, egal wie gut ich jemanden zu kennen glaube. Sicherlich treffen meine Annahmen manchmal auch zu, aber wissen tue ich auch das nie. Denn selbst, was meine Mitmenschen mir mitteilen, ist schließlich gefiltert.

In der Coachingsitzung wurde mir bewusst, dass ich davon ausging, dass man mich generell nicht wahrnahm. Woher die Überzeugung, unsichtbar zu sein, stamme, fragte mich mein Coach. Wie aus der Pistole geschossen antwortete ich: aus meiner Schulzeit! Aha, sagte sie, und wie lange ist die nun her? Selbst damals war das schon mehr als ein Jahrzehnt...

"Ich war völlig überrascht. Weil ich davon ausgegangen war, für den Job nicht qualifiziert zu sein und weil mein Selbstbild überhaupt nicht zu der Erfahrung passte, dass ich eine Gruppe von Menschen so schnell von mir überzeugt hatte."

Den zweiten Schlüsselmoment erlebte ich ebenfalls in einem Coaching, einige Monate später. Ich hatte ein Jobangebot bekommen. Direkt beim Vorstellungs-gespräch hatte man mir einen unterschriftsreifen Vertrag vorgelegt. Ich war völlig überrascht, zum einen, da ich davon ausgegangen war, für den Job nicht qualifiziert zu sein. Und zum anderen, weil mein Selbstbild überhaupt nicht zu der Erfahrung passte, dass ich eine Gruppe von Menschen so schnell von mir überzeugt hatte.

Viel effektiver und nachhaltiger ist es jedoch, an die Wurzel des Ganzen zu gehen und unsere Glaubenssätze auf den neuesten Stand zu bringen – ein inneres Update vorzunehmen sozusagen.

Was uns hierbei helfen kann:

  1. Sich seiner Gedankengänge und Glaubenssätze bewusst werden.

    Welche Überzeugungen liegen unseren Denk- und Verhaltensweisen zugrunde? Erster Anhaltspunkt sich zu hinterfragen, kann zum Beispiel ein „schlechtes (Bauch-)Gefühl“ sein. Wir kennen es alle: etwas macht uns Bauchschmerzen, schlägt uns auf den Magen. Wir fühlen uns unwohl. Anstatt das Gefühl zu verdrängen, ist es hilfreich, sich mit dem Gefühl zu beschäftigen. Was genau ist der Auslöser? Absolute Ehrlichkeit ist dabei Grundvoraussetzung. Auch wenn es uns schwer fällt uns einzugestehen, dass auch wir Gefühle wie Neid, Unsicherheit oder Selbstzweifel in uns tragen können. Dabei ist es oft so, dass unsere Glaubenssätze logischer Analyse nicht standhalten. „Ich bin weniger wert als andere“ – rational betrachtet wissen wir, dass dieser Gedanke nicht „wahr“ ist und trotzdem kann er große Auswirkung auf unser Leben haben, da er im Unterbewussten eben doch für „wahr“ gehalten wird. Und hier entfaltet der Satz „Ich bin nicht meine Gedanken“ seine wundervolle Wirkung.

     

  2. Denn wenn wir uns bewusst gemacht haben, welche Glaubenssätze gerade am Start sind, können wir uns im nächsten Schritt fragen: Sind diese (noch) nützlich? Oder stehen wir uns damit im Weg? Wie befreiend, uns vor Augen zu führen, dass wir uns nicht mit all unseren Gedanken identifizieren müssen. Nun können wir uns fragen, was wir stattdessen möchten. Welche unserer Glaubenssätze benötigen eine Aktualisierung und wie kann diese aussehen? Oft begegnen mir an dieser Stelle Aussagen wie: Ich bin nun mal so. Ich war schon immer so. Ich kann halt nicht anders.  Veränderungen sind nicht immer einfach, aber sie sind möglich. Nicht unbedingt über Nacht, aber mit der Zeit und mit dem nötigen Engagement.
     

  3. Aus der Rubrik: wie gehts leichter?
    Mit einer gesunden Portion Selbstmitgefühl und Geduld können wir uns diesen Lernprozess angenehmer gestalten. Wie gesagt sind viele unserer Glaubenssätze vor relativ langer Zeit entstanden und die dazugehörigen Nervenbahnen sind wie gut ausgebaute Autobahnen. Dass der noch unbefahrene Feldweg erstmal holprig ist und die Versuchung groß, wieder auf die uns gut bekannte Autobahn abzubiegen, ist menschlich. Es geht jedem mal so. Aber an jedem Punkt in unserem Leben liegt es an uns, wie wir uns entscheiden. Und mit Übung geht das Ganze leichter und schneller. Wenn ich mich mittlerweile bei gewissen Gedankengängen „ertappe“, muss ich – so wie damals meine Coaches – meist schmunzeln. Das kenne ich ja schon, aber jetzt kenne ich eben auch schon die Abzweigung, die ich nehmen möchte. Und das vormals Unbekannte ist mir schon ein wenig vertrauter.

Karen Schlaegel begleitet als Coach Menschen dabei, sich ihrer Glaubenssätze bewusst zu werden und neue Wege zu gehen. Ihr eigener beruflicher Lebensweg war bisher von vielen Abzweigungen geprägt. Nach ihrem European Business-Studium startete sie eine Karriere im Event Management, lebte in England, Frankreich und Italien bevor sie nach Bayern zog. Ihre Erfahrung als Führungskraft, eine Ausbildung in NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) sowie Positiver Psychologie als auch ihre eigenen Erfahrungen als Coaching-Klientin, fließen in ihre Arbeit mit ein.

 

Zudem schreibt sie gerne. Vor kurzem wurde ihr Artikel „8 things I learned from watching my Mum die“ auf der international renommierten Tiny Buddha Website veröffentlicht. Weitere Informationen finden sich auf ihrer Website und ihrem Instagram Account.

„Du bist nicht deine Gedanken.“

Auch wenn mir der beschriebene Lernprozess manchmal anstrengend und mühsam vorkommt, so empfinde ich es persönlich als enorme Erleichterung, überhaupt zu wissen, dass ich tatsächlich entscheiden kann, was ich denke und vor allem, welche meiner Gedanken ich glauben will. Wer mit Meditation vertraut ist, kennt vermutlich die Einladung, seine Gedanken wie Wolken ziehen zu lassen. Dass unsere alten Glaubenssätze immer wieder auftauchen, lässt sich nicht wirklich verhindern, aber wir haben die Wahl, auf welche Gedanken wir uns fokussieren und welche wir an uns vorüberziehen lassen.
 
Und jetzt wünsche ich euch viel Spaß beim Ausmisten abgelaufener Glaubenssätze und Erkunden neuer Wege!

In unserer frühesten Kindheit entsteht ein großer Teil unserer Glaubenssätze. In dem Moment, wo sie entstanden sind, erfüllen sie einen Sinn – wie zum Beispiel, uns das Leben zu erklären und uns dabei zu helfen, durch unser Leben zu navigieren. Was zu einem bestimmten Zeitpunkt Sinn machte und die für uns beste Lösung darstellte, ändert sich jedoch in den meisten Fällen mit  der  Zeit.  Alleine,  weil  uns  mit  mehr Erfahrung und mehr Fähigkeiten auch mehr Optionen zur Verfügung stehen. Da unsere Glaubenssätze aber oft im Unterbewussten angesiedelt sind, wirken sie so vor sich hin, beeinflussen maßgeblich unser Leben, oft ohne, dass wir sie für uns selbst explizit benennen können.

"Wir halten etwas für 'wahr' und das wiederum bedingt unsere Gedanken und Verhaltensweisen im Hier und Jetzt."

Wir halten etwas für „wahr“ (wie in meinem Beispiel: „keiner sieht mich“) und das wiederum bedingt unsere Gedanken und Verhaltensweisen im Hier und Jetzt. Weil diese „Wahrheit“ sich so gefestigt hat, stellen wir sie gar nicht erst in Frage. Unter Umständen setzen wir an unserem Verhalten an, wenn wir merken, dass es uns nicht weiterbringt.

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