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Wie auch immer sich das Signal äußern mag – vielleicht zunächst eine latente Unzufriedenheit, eine unterdrückte Idee, ein subtiles Bauchgefühl, oder vielleicht auch schon ein deutlicher innerer Aufschrei – hör doch mal etwas genauer hin; und, vor allem, gönn dir Zeit und Raum und neue Erfahrungen und schau einfach mal, was daraus wächst.
 

"Hinterfragen, ob dein jetziges Leben deine Bedürfnisse erfüllt..."

Denn wer weiß, zu welchen unbekannten Ufern es dich führen könnte!

Mehr Infos über Annie O: www.annie-o.de - dort findet sich auch ihr TEDx-Talk mit detaillierteren Infos zu ihrer Geschichte (auf englisch).

Meadows in the Mountains Festival 2018, Bulgarien

Zuerst erschienen in: Verlorene Gedanken, Nr. 4/2018

Kopf-Ich vs. Bauch-Ich:
Von Investmenbankerin zur DJane

Ich war schon immer ein ziemlicher Kopf-Mensch – schon früh merkte ich, dass ich mit Leistung und Erfolg punkten konnte. Seit ich denken kann, war es fester Bestandteil meines Selbstbildes, Superlative anzuhäufen und in allem zu den Besten (oder zumindest den Jüngsten) zu gehören. Es war gar nicht so, dass dies explizit von mir erwartet wurde – allerdings kam ich aus einer Akademikerfamilie, meine Eltern hatten sich beide mit viel Disziplin und Verzicht hochgearbeitet und waren sehr auf ihr gesellschaftliche Außenbild bedacht, so dass ich diese Werte wie selbstverständlich übernahm und internalisierte. Ich lernte, potentielle Erwartungen an mich vorauszusehen und sie aus eigenem Willen zu übertreffen.

Schulische Leistung zu erbringen fiel mir stets leicht und meine Freizeit war von klein auf durchgetaktet mit diversen „fördernden Aktivitäten“: Klavierspielen und drei (Einzel-)Sportarten, die ich alle auf Wettkampflevel betrieb. All dies bot ein perfektes Grundgerüst für ein Leben nach dem Leistungsprinzip: mein Fokus lag stets auf dem Resultat einer Sache, nicht auf dem Prozess oder dem Gefühl dabei.

Von Annie O, Berlin - 05.08.2018
 

"Klavierspielen und drei (Einzel-)Sportarten, die ich alle auf Wettkampflevel betrieb. All dies bot ein perfektes Grundgerüst für ein Leben nach dem Leistungsprinzip: mein Fokus lag stets auf dem Resultat einer Sache, nicht auf dem Prozess oder Gefühl dabei."

Der erste Burn-Out kam bereits mit 16. Aus zunächst nicht ersichtlichen Gründen fühlte ich mich mit allem völlig überfordert, gab alle Aktivitäten auf, konnte keine sozialen Situationen mehr ertragen, entwickelte eine Essstörung, schwänzte die Schule und zog mich mit meinen hilfs- und hoffnungslosen Gedanken komplett in mich zurück. Mit 17 verbrachte ich dann die Sommerferien zwischen der 12. und 13. Klasse in einer psychosomatischen Klinik – die Ruhe dort und die Distanz zu meinem Alltag halfen mir sehr, so dass ich gestärkt und bekräftigt in mein normales Leben zurückkehren und wieder voll einsteigen konnte.

Das Leistungsmotiv war jedoch noch immer am Werk – denn als ich kurz darauf beschloss, nach dem Abitur BWL zu studieren, bewarb ich mich aus eigener Motivation nicht an irgendeiner, sondern gleich an der renommiertesten Privatuniversität Deutschlands. Ich bestand den Aufnahmetest und wurde angenommen – somit waren die Weichen für ein erfolgreiches Berufsleben bereits gestellt, denn es war klar, dass man als Absolvent dieser Uni zu der aufstrebenden Wirtschaftselite gehörte und einem jegliche Karrierechancen offenstanden. Das 4-jährige Studium war komplett durchstrukturiert, hart und anspruchsvoll und ich war unter all den hochtalentierten Studenten plötzlich nur noch Mittelmaß. Zwischendurch stand ich ein weiteres Mal kurz vor einem Burn-Out – nur die zwei Auslandssemester retteten mich, da sie eine willkommene und notwendige Auszeit von der äußeren und inneren Maschinerie des Leistungsdenkens waren.

Am Ende des Studiums landete ich dann einen Job bei einer der großen Investmentbanken in London – ich war stolz, erleichtert und beflügelt, da ich es letztendlich doch geschafft hatte: ich war ganz oben mit dabei und hatte mich bewiesen. So zog ich nach meinem Studium 2006 voller Stolz und Vorfreude nach London und begann meinen Job als Investmentbankerin – zu diesem Zeitpunkt war ich 22 Jahre alt und mein Einstiegsgehalt lag bei rund 100.000 € pro Jahr.

"So zog ich nach meinem Studium 2006 voller Stolz und Vorfreude nach London und bekann meinen Job als Investmenbankerin - zu diesem Zeitpunkt war ich 22 Jahre alt und mein Einstiegsgehalt lag bei rund 100.000 € pro Jahr."

Annie, 2006

Doch dann passierte etwas Unvorhergesehenes: Schon wenige Wochen nach meinem Berufseinstieg begann ich, mich zunehmend demotivierter und lethargischer zu fühlen; ich ging immer unwilliger in die Bank, fühlte mich zunehmend eingeengt, wollte jeden Abend nur noch schnell nach hause. Alles in mir schien sich immer mehr gegen den Job zu sträuben, bis ich es kaum mehr aushielt. Was passierte da?

Im Nachhinein kann ich es nur so erklären: während mein Kopf die ganzen Jahre mit dem Erbringen von Leistung beschäftigt war, passierte während der Studienzeit etwas anderes unter der Oberfläche, im Unterbewusstsein, was ich zunächst nicht bemerkte und was erst später seinen Sinn bekam: wann immer ich aus meinem leistungsbasierten Universitätsalltag raustrat (z.B. während der zwei Auslandssemester, der zwei Backpacking-Reisen, für die ich die Uni schwänzte, einem Praktikum in London und dem Training für die Investmentbank in New York) – d.h. sobald ich mehr von der Welt sah, andere Umfelder, Werte und Lebenskonzepte kennenlernte – schien das irgendwas in mir zu bewirken. Plötzlich war ich Musik, Kunst und Kultur ausgesetzt, lernte alternative, entspannte, nicht auf Leistung erpichte Menschen und Lebenskonzepte kennen – ich sog alle diese neuen Erfahrungen in mich auf wie ein Schwamm, war beflügelt, inspiriert und voller neuer Lebensenergie. Ich schien in Windeseile all das nachzuholen, was ich all die Jahre davor verpasst hatte – und auch äußerlich verwandelte ich mich: meine Kleidung wurde bunter, High Heels wurden durch Sneakers ersetzt und meine Locken trug ich mehr und mehr zur Schau. Somit war unter der Oberfläche eine „alternative“ Annie herangewachsen: eine Annie mit Neugierde, Freiheitsdrang, Abenteuerlust, Feierlaune und viel Farbe.

"Unter der Oberfläche war eine 'alternative' Annie herangewachsen: eine Annie mit Neugierde, Freiheitsdrang, Abenteuerlust, Feierlaune und viel Farbe."

Zum Zeitpunkt des Jobeinstiegs existierten also diese beiden Pole in mir parallel – mein Kopf-Ich war die werdende, ambitionierte Investmentbankerin, mein Bauch-Ich die neue, freie, farbenfrohe Annie, die sich immer mehr entfalten wollte. Während es offiziell mein Kopf-Ich war, das aus „Jobgründen“ den Weg nach London fand, so glaube ich, dass es unter der Oberfläche auch – oder vor allem? – mein Bauch-Ich war, das von den Entfaltungsmöglichkeiten in London angezogen war: denn London war weit weg von meinen gewohnten Strukturen und verhieß Freiheit.

Zunächst spürte ich allerdings keinen Konflikt durch diese entgegengesetzten Pole, im Gegenteil – ich fühlte mich sogar gestärkt von diesem Gegensatz. Ich fühlte mich anders, irgendwie wacher als die anderen, wollte eine „coole Bankerin“ sein, eine, die sich nicht vom System einlullen lässt – bei Tag erfolgreich in der Bank, bei Nacht und an Wochenenden unterwegs im Nachtleben Londons. Soviel zur Theorie. Sobald dann jedoch der Ernst des Jobs anfing, stellte sich sehr schnell heraus, dass dies in der Realität ziemlich unmöglich war. Der Job verlangte mir viel ab, sowohl an täglicher Zeit als auch an Energie. Dennoch machte ich all die „alternativen“ Sachen – ich wohnte in einer 7er-WG mit lauter Nicht-Bankern, ging viel aus, sah mir viele Konzerte an, lernte viele neue Leute kennen. Es war überhaupt keine Frage, dass ich mir das nehmen lassen würde, es hatte einfach Priorität – allerdings häufte sich bereits ein gewisser Schlafmangel an.

Je mehr mein Bauch-Ich wuchs, desto mehr fand es auch seinen Weg in meinen Bankenalltag – in den Pausen rauchte ich selbstgedrehte Zigaretten und fing an den professionellen Dresscode so weit wie möglich auszudehnen (und wurde deswegen sogar einmal nach hause geschickt, um mich wieder umzuziehen). Aber es half alles nichts – ich fühlte mich in meinem Job immer eingeengter und in meiner Lebensenergie beschnitten; mein Bauch-Ich wehrte sich mit Händen und Füßen gegen den goldenen Käfig der Investmentbank. Mir wurde klar, dass ich auf Dauer diese beiden Pole weder äußerlich noch innerlich würde vereinen können, dass ich mich entscheiden musste - und mein Bauch-Ich war inzwischen zu stark geworden um es zu ignorieren, es ließ sich (zum Glück) nicht mehr bändigen. Daher entschied ich mich für das farbenfrohe Leben und kündigte nach nur sechs Monaten, sehr zur Überraschung aller Beteiligten. Dass eine Juniorbankerin so schnell kündigte war sogar so ungewöhnlich, dass mich der Chef meines Chefs zu sich rief und mich davon überzeugen wollte, doch wenigstens ein paar Jahre in der Bank zu bleiben und so viel Geld zu verdienen, dass ich danach mein künstlerisches Leben in Luxus verbringen könne – ich sah ihn nur lächelnd an, da er mir damit noch einmal Bestätigung für meine Entscheidung gab. Denn genau so wollte ich nicht werden – und ein Blick auf meine älteren Kollegen bestätigte mir, dass keiner so schnell diesem geldgenährten System wieder entrinnen würde. Ich blieb bei meiner Entscheidung – und es war unheimlich befreiend.

Nach meiner Kündigung verlief alles komplett planlos. Mein Kopf hatte keinen Plan B, das Leistungsmotiv war gebrochen, daher ließ mich einfach treiben. Durch Zufall fand ich zur Musik: durch einen Geistesblitz während eines Konzertbesuches beschloss ich Schlagzeug zu lernen und bereits wenige Monate später gründete ich mit einem Freund eine Band, die für die nächsten Jahre zu meinem Lebensinhalt wurde.

"Ich entschied mich für das farbenfrohe Leben und kündigte nach nur sechs Monaten, sehr zur Überraschung aller Beteiligten."

Das Musikerleben war spannend und aufregend, aber bei weitem nicht immer einfach – ich hatte zwar noch einige Ersparnisse, aber die Musik brachte längst nicht genug Geld ein, also hielt ich mich mit diversen Nebenjobs über Wasser, arbeitete zum Teil in Cafés und Kleidungsgeschäften. Aber das machte mir nichts aus, denn es war Teil meines Traums: ein selbstbestimmtes, freies, kreatives Leben zu führen.

Irgendwann löste sich die Band auf und ich machte alleine als DJ weiter; zudem waren irgendwann auch meine Ersparnisse aufgebraucht, so dass ich noch mal zwei kurze Abstecher in „normale Jobs“ machte, die jedes Mal nach einigen Monaten in Einengungsgefühlen und Kündigung endeten. Mein letzter „normaler Job“, für den ich sogar nach Berlin kam, endete vor 5 Jahren; danach nahm ich mir vor: „Nie wieder! Ich war und bin einfach nicht für ein geregeltes, angepasstes (Arbeits-)Leben gemacht. Ich werde mich jetzt auf das DJ-Dasein konzentrieren.“

 

Band "Rotkäppchen"

Ich geriet von Monat zu Monat immer mehr in finanzielle Schwierigkeiten, es war wie ein freier Fall, ich begann Schulden anzuhäufen. Sehr schnell musste ich alles konsolidieren, meine Ausgaben minimieren und mir wieder diverse Nebenjobs besorgen. Die Jahre um 2013 bis 2014 waren somit die schwierigsten: zum Teil wusste ich nicht, wie ich am Ende des Monats meine Miete zahlen sollte, hatte aber gleichzeitig den beharrlichen Stolz, mit allem selbst klarzukommen und nirgendwo um Hilfe zu bitten, da es ja „meine Schuld“ war, diese Entscheidungen getroffen zu haben.

"Ich geriet von Monat zu Monat immer mehr in finanzielle Schwierigkeiten, es war wie ein freier Fall, ich begann Schulden anzuhäufen."

Aber irgendwie ging es dann doch, langsam manövrierte ich mich aus der Lage wieder heraus und auch mit dem Auflegen ging es relativ schnell bergauf. 2015 passierte es dann auf einmal: ziemlich von jetzt auf gleich verdiente ich plötzlich genug vom Auflegen, um davon leben zu können. Ich konnte es erst kaum glauben – war es doch seit jeher ein Kampf gewesen, sich als Musiker über Wasser zu halten; ich hatte fast gar nicht daran geglaubt, dass man davon leben könne. Doch jetzt ist es passiert.

Das Tolle an meinem jetzigen Leben ist: ich bin komplett selbstbestimmt und meine Arbeit erfüllt die Bedürfnisse meines Bauch-Ichs: nämlich unheimlich viel Abwechslung, Freiheit und kreative Selbstdarstellung. Heute gibt es keinen Unterschied mehr zwischen meinem privaten und beruflichen Ich – ich kann einfach nur Ich sein, muss nicht strategisch denken oder mich verstellen, sprich: ich kann intuitiv handeln und „einfach nur machen“, ohne groß nachzudenken. Ich hatte nie geplant, DJ zu werden – es hat sich einfach daraus ergeben, dass ich all die Jahre das gemacht habe, was mir Spaß macht (also Musik und – vor allem – feiern gehen und Leute kennenlernen) – und das habe ich so viel und so häufig gemacht, dass aus Vergnügen irgendwann ein Beruf wurde. Und dafür bin ich sehr dankbar, denn alles andere würde und könnte ich gar nicht mehr aushalten.

"2015 passierte es dann auf einmal: ziemlich von jetzt auf gleich verdiente ich plötzlich genug vom Auflegen, um davon leben zu können."

Helsinki, März 2016

Kann ich also anderen Menschen einen Rat geben? Ja und nein, denn jeder muss seinen eigenen Weg zu seinen persönlichen Bedürfnissen finden – und meiner ist einfach genauso zickzackartig verlaufen, weil ich ich bin. Wäre mir damals in meinen Kopf-Jahren jemand so schlau dahergekommen und hätte gesagt: „Höre doch einfach mal auf deinen Bauch!“, hätte mir das auch nichts geholfen, da ich damals keinen richtigen Zugang zu meinem Bauchgefühl hatte – es wäre wieder nur mein Kopf gewesen, der sich da eingemischt und mir eine Pseudo-Antwort gegeben hätte. Daher haben mir im Nachhinein betrachtet eigentlich nur zwei Dinge den richtigen Anstoß gegeben:
 

  1. Das Sammeln neuer Erfahrungen: Ausland, Reisen, neue Umfelder, neue Menschen. Das habe ich alles einfach erlebt ohne groß nachzudenken – und mein Unterbewusstsein hat sich von alleine die wichtigen und inspirierenden Dinge rausgepickt, die mich später positiv beeinflusst haben.
     

  2. Das (Kopf-)Ruder aus der Hand geben und mich treiben lassen: sprich - die Kündigung ohne Folgepläne. Das hat mir planlosen Raum und Zeit gegeben, in dem mein Bauch mich ganz von alleine leiten konnte, ohne dass ich es merkte oder analysieren konnte.

Letztlich liegt mir nur eins am Herzen: nämlich die Ermutigung. Die Ermutigung, zu hinterfragen, ob dein jetziges Leben deine Bedürfnisse erfüllt, ob du dich im Großen und Ganzen im Einklang mit dir selbst fühlst – oder ob du vielleicht ein Idealbild von dir verfolgst oder dich inneren Regeln und Zwängen unterwirfst, die deine wahre, vielleicht sogar noch gar nicht entdeckte Natur unterdrücken.

So weit, so gut – die Entscheidung fühlte sich vom Bauch her gut und befreiend an, aber ich hatte die finanziellen Konsequenzen unterschätzt. Wohlgemerkt hatte ich zu dem Zeitpunkt noch ein Zimmer in London, ein Zimmer in Berlin und weitere Fixkosten, die sich so insgesamt auf ca. 2.000 € im Monat beliefen. Ziemlich blauäugig, sich da himmelhochjauchzend als DJ selbständig zu machen.