Copyright © 2016 - 2019 by Christof Jauernig - Unthinking . Me | Alle Rechte vorbehalten | Datenschutzerklärung |

Die Musik von FEE. findet man hier: www.feemusik.de
Auf YouTube: Einzimmerwohnung - Süden - Wie bei den Magneten
FEE. bei Facebook: facebook.com/feemusik

Zuerst erschienen in: Verlorene Gedanken, Nr. 2/2019

Das Mädchen, das ihre Songs in den Ghettoblaster schreddert

Ich hatte nie einen Berufswunsch. Zumindest keinen ernstzunehmenden – als Kind wollte ich Busfahrerin werden, wegen des großen Lenkrads. Oder an der Supermarktkasse sitzen, um die Artikel mit einem lauten Piep über den Scanner zu ziehen. Aber sehr früh entdeckte ich meine Leidenschaft für die Musik. Zum Leidwesen meiner Nachbarn spielte ich alles gleichzeitig – und sehr laut. Gitarre, Klavier, Gesang, auf irgendwas rumtrommeln. Und dabei nahm ich mich dann mit meinem Ghettoblaster auf Kassette auf und war meine eigene One-Woman-Band. Außerdem sang ich in einem Kinderchor, versuchte mich an verschiedenen Instrumenten, hatte aber nie Bock auf Unterricht oder Noten. Immer freestyle, mit völlig verknoteten Fingern am Klavier Tasten drücken, die sich gut zusammen anhören.

Von FEE., Frankfurt (Main) - 29.04.2019
 

"Als Kind wollte ich Busfahrerin werden, wegen des großen Lenkrads."

Und dann kamen die eigenen Songs, die mal auf Englisch und mal auf Deutsch waren und auch erste Auftritte. Musical, Chor, erste Band. Ich liebte es und war nicht mehr von der Bühne zu kriegen.

Als mir irgendwann bewusst wurde, dass der Beruf Musikerin nicht komplett aussichtslos ist, kam für mich nichts Anderes mehr in Frage. Mit 18 oder 19 Jahren gründeten vier andere Musiker und ich die Band NEOH. Am Anfang klangen wir noch ein bisschen wie Paramore auf Deutsch, später wurde es poppiger. Die Songs schrieben wir selbst, ich war für Texte und Gesangsmelodien zuständig und die Jungs meiner Band für Arrangements.

"Als mir irgendwann bewusst wurde, dass der Beruf Musikerin nicht komplett aussichtslos ist, kam für mich nichts anderes mehr in Frage."

Unser größtes Konzert spielten wir vor 15.000 Menschen – diese großen Konzerte waren jedes Mal ein totaler Flash, aber irgendwie auch surreal. Ich nahm nur noch sehr viele Köpfe vor der Bühne wahr, keine einzelnen Personen mehr. Es war ein Rauschgefühl, auf das man sich auch gerne mal zu viel einbilden kann.

Ich war und bin noch nie ein "ich erzähle bei jedem Konzert das Gleiche und schreie dann ICH WILL EURE HÄNDE SEHEN"-Typ. Ich bin mehr die Art von Musikerin, die Stimmungen im Publikum aufnimmt und darauf eingeht. Und ich erzähle sehr persönliche Geschichten zu meinen Songs, jeder Abend ist ein Unikat.

 

Mit der Band ging es trotzdem erstmal weiter steil bergauf und der Plattenvertrag ließ nicht lange auf sich warten. Wir landeten beim größten Plattenlabel Deutschlands und dachten, jetzt würde es abgehen mit unserer Karriere. Aber es ging überhaupt nicht ab, denn erstmal wurden wir von einer in die nächste Co-Writing-Session geschickt, um "Hits" mit Hitproduzenten zu produzieren. Denn das Label war der Ansicht, unsere selbstgeschriebenen Songs seien ja ganz nett, aber maximal "solide Albumtracks", keine "catchy Singles". Auf einmal kamen mir Sprüche zu Ohren, wie "wenn dein erstes Album nicht gleich chartet, bist du gefloppt und wirst vom Label gedroppt".

Wir trennten uns von unserem Label und plötzlich schrieb ich wieder Songs, ganz frei von Vorgaben. Einfach Momentaufnahmen aus meinen Gedanken, meinem Leben. Diese Songs hatten mit unserem Popmusik-Image nun irgendwie gar nichts mehr gemeinsam. Auch ich veränderte mich. Meine knallrot gefärbten Haare wurden wieder naturbraun, ich hatte Probleme, meine Rolle auf der Bühne zu finden. Und irgendwie fühlte ich mich nicht mehr wie die Sängerin von NEOH. Also ließ ich eine Weile später schließlich auch die Band hinter mir und begann mein Soloprojekt "FEE." – hundert Prozent ich, keiner der reinredet oder sich überlegt, was marktetingtechnisch jetzt gut funktionieren könnte. Ich fing nochmal von vorne an, stand wieder auf Open Stages, spielte eine kleine Tour durch Wohnzimmer. Und vor allem stand ich ab jetzt immer alleine auf der Bühne, nur meine Gitarre und ich. Es war anstrengend, auf einmal alles alleine zu machen, vom Booking bis zum Auftritt. Aber es hat sich gelohnt, weil ich wieder zu mir fand und mich als Musikerin positionierte. Und ich war frei wie ein Vogel, spielte mehrmals die Woche irgendwo und fiel dann abends glücklich in mein Bett.

Es ist verdammt viel Arbeit, das alles selbst zu machen. Umso mehr schätze ich, dass sich mittlerweile wieder Leute um mich herum gefunden haben, die mich darin unterstützen. Produzenten, Musiker, Menschen, die gemeinsam mit mir meine Auftritte koordinieren oder mir mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Ich glaube, tief im Inneren hat man ein Gefühl, wo man hingehört. Man muss nur hinhören. Und man braucht viel Mut.

Alles noch freestyle...: Fee in jungen Jahren (2007)

© Vero Bielinski

Auch sonst waren wir ziemlich gut aufgestellt, kannten uns in vielen Bereichen rund um die Musikbranche gut aus und schafften es so, ohne Label professionelle Videos und Aufnahmen zu produzieren und im Vorprogramm namenhafter Künstler, wie NENA, Wir sind Helden oder Juli aufzutreten.

"'Wenn dein erstes Album nicht gleich chartet, bist du gefloppt und wirst vom Label gedroppt.'"

Soll so viel heißen, wie: Wenn du keinen Hit hast, bist du ganz schnell wieder abgeschrieben beim Label. So viel zum Thema Künstleraufbau. Immer mehr hatte ich das Gefühl, mir selbst fremd zu werden und mich von den Songs und mir als Musikerin zu entfernen.

Eineinhalb Jahre und 60 Songs später, immer noch ohne Album, war für mich der Punkt erreicht, an dem es so nicht mehr für mich weiterging. Also fasste ich den Entschluss, dass ich da raus musste. Unbedingt. Ich war ausgebrannt, schmiss meine Gitarre nach drei Akkorden in die Ecke, konnte nichts mehr schreiben, nicht mehr gut atmen. Ich war ständig krank. Denn diese Vorgaben, dieses Ausgeliefertsein, all das Warten machte mich tief unglücklich. Ich wollte einfach wieder das Mädchen sein, das ihre Songs in den Ghettoblaster schreddert. Und das wurde ich dann auch.

"Ich war ausgebrannt, schmiss meine Gitarre nach drei Akkorden in die Ecke, konnte nichts mehr schreiben, nicht mehr gut atmen. Ich wollte einfach wieder das Mädchen sein, das ihre Songs in den Ghettoblaster schreddert."

Fee in NEOH-Zeiten

"Ich war frei wie ein Vogel, spielte mehrmals die Woche irgendwo und fiel dann abends glücklich ins Bett."

Die Haare wieder braun und keiner mehr, der reinredet.
© Vero Bielinski

Heute mache ich immer noch unter dem Namen "FEE." meine eigene Musik, habe mir Musiker gesucht, die meine Vision verstehen und teilen, die mich live bei Konzerten begleiten, die gute Freunde von mir geworden sind. In den vergangenen Jahren spielte ich im Vorprogramm von Katie Melua und Chris de Burgh, veröffentlichte eine EP und ein Album, zurzeit arbeite ich an einem nächsten. Ganz ohne Kompromisse, außer vielleicht mangelnde finanzielle Mittel. Aber das ist es mir allemal wert, denn ich liebe, was ich mache. Die Entscheidung, meine frühere Band zu verlassen, war alles andere als leicht. Ich trennte mich nicht nur von den Musikern, mit denen ich die letzten sechs Jahre alle Höhen und Tiefen durchlebt hatte. Ich trennte mich auch von einem funktionierenden System, wo sich jemand kümmert, dass wir Auftritte spielen können, unsere Steuererklärung gemacht wird, dass Merchandise hergestellt, ein Studio gebucht und unsere Social-Media-Accounts gepflegt werden.

Aus "Herzschlag" von FEE. (2018)

"Und der Herzschlag in dir gibt acht, dass dir nichts passiert. Der Herzschlag in dir spielt die Melodie, die dich antreibt und trägt, auch, wenn du stillstehst."

Mit Chris de Burgh auf Tour (2018)